handy mutter

… “Mama, @! Die Schnecke …!” knirsch, hmpf, grrrr

by mw
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(Barbara)
Kennt ihr das? Eure Eltern fragen euch Technisches? Mir selbt passiert das eher selten, weil ich in unserer Mischoke nicht gerade als technisch versiert gelte, aber … “in der Not frisst der Deibel Fliegen”: Sprich, wenn mein Bruder im Urlaub und alle anderen in Frage kommenden Familienmitglieder, einschließlich unserem alle Klischees bedienden Nerd, der stets blass und “wie der Tod uff Latschen” aussieht, nicht greifbar sind, ruft meine Mutter auch schon mal mich an, um nach einem einleitenden “Hallo, wie geht´s? Gut; schön! Sag mal, ich hab da ein Problem mit meinem Handy …” den Rest meines Tages mit der Suche und Eingabe von Passwörtern, die ich weder kenne noch errate, zu verplanen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sollte jeder halbwegs vernunftbegabte Erwachsene reflexartig die Flucht ergreifen, die Nummer “Sorry, verwählt” versuchen oder ein Funkloch simulieren. (Ok, im Festnetz eine semi-clevere Entscheidung.), aber letztes von drei Kindern habe ich eventuell weniger von … allem mitbekommen. Jedenfalls verpasse ich immer den Zeitpunkt, um noch rechtzeitig den Absprung zu schaffen. Und so kann ich mir regelmäßig einmal pro Halbjahr die Kugel geben.

Ist es ohnehin schon recht schwierig zwischen lautstark in Legokisten-Suchenden Zweitklässlern den zum Teil wirren Ausführungen und rätselhaften Fragen meiner Mutter zu lauschen, ist es bei Aufregung über gesperrte Sim-Karten und W-Lan Optionen, schier unmöglich. Mir jedenfalls. Keine Ahnung, wie ihr Friseur das zwei Stunden lang aushält, adererseits ist jener erstens nicht ihr eigen Fleisch und Blut, zweitens wird er dafür bezahlt und drittens hat er Jahrzehnte Erfahrung mit mitteilunsgbedürftigen Senioren, strähnchen-verlangenden Scheidungsopfern und Möchtegern-Instagrammmmmmmys.

O-Ton: “Hier steht Update? Was ist das? Wo finde ich das? Ich WILL DAS NICHT.”
Armen, atmen, atmen, erklären, Hörer weghalten, atmen.
“Das ist nur eine neue version. Du must dem zugestimmt haben.”
“Hab ich nicht.”
“Egal. Mama, du musst jetzt bitte auf weiter klicken.”
“Steht hier nicht.”
“Was steht denn da?”
“Na, sagte ich doch: Schloss, bravo72 …”
“Nein, ich meine …”
“67054. Und darunter: Schloss xs2474.9384572.”
“…”
“Und dannoch … Schloss Fritzbox.827543. Und …”
“STOPP!”
“Was ist denn?”
“Ich meine, was steht darunter? Oder darüber oder daneben? Irgendwo?”
“Nichts weiter. Nur W-Lan … Schloss …”
Knirsch, rümpf, puhhhhhhhhhhhhh. Atmen.
“Nein, nein, da muss noch eine andere Option stehen.”
“Nein.”
“Doch.”
“Nein, da steht nichts.”
“Sieh – bitte – genau – nach.”
“Nein, da steht n… Moment, ich setze mal meine Brille auf.”
Hmmmmmpf, knirsch, huhhhhhhhhhh. Ruhig bleiben, Teppichmuster – Rauten zählen.
Auch dieser Tag wird zu Ende gehen. Vielleicht.
“Ja, da steht: fortfahren”
“Bitte drücke darauf.”
“Das geht nicht.”
“Bitte! Bitte bitte versuch es noch einmal. Ganz in Ruhe.”
“Ja.”
“Was ja?”
“Hab ich gemacht.”
“Und?”
“Was und …?”
“Was – ist – passiert?”
“Gar nichts.”
“??”
“Bitte versuche es nochmal.”
“Hab ich doch schon.”
“Bitte …”
“Na, wenn du meinst … Ah, jetzt gehts.”
Puh, Steine poltern vom Herzen auf den Teppich.

Eine halbe Stunde später.
“Super, und jetzt brauchst du deine Apple ID.”
“Meine WAS?”
Huhhhhh. “Ähm, weißt du noch, vor drei Wochen?”
“Als Onkel Karl da war?”
“Ja, genau, als Onkel Karl da war.”
“Er hatte Apfelkuchen mitgebracht, bisschen klitschig …”
“Äh ja, aber er hat dir deine ID eingerichtet.”
“Hat er?”
“Ja, hat er.”
“Ich weiß nur noch, dass der Kaffee alle war. Ich musste Dallmayr nehmen. Jakobs Krönung war aus … Ich hatte vergessen, welchen zu kaufen, aber Onkel Karl trinkt den Kaffee ja auch wie Wasser …”
“Ok ok. Das ist jetzt unwichtig, Mutter. Onkel Karl hat doch ein paar wichtige Dinge im Zusammenhang mit deinem Handy in ein Büchlein geschrieben.”
“Hat er?”
Hmpf …
“Hm, ja. Überleg mal in Ruhe.”
Beiß in den Hörer, warten … please hold the line …

“Ja stimmt Ich erinnere mich.”
“Gott sei Dank. Und wo ist das Büchlein?”
Stille.
Rascheln, knarkz, rumpel-pumpel.
“Ich habs!”
Hui. Erde an Blutdruck – du kannst dich wieder normalisieren …
“Sehr schön. Dann schau mal bitte …”

Eine halbe Stunde später,
“Aber da stehen so viele Sachen drin.”
“Ok, deine ID – das muss etwas sein mit einem @-Zeichen.”
“Verstehe ich nicht.”
“Na, das Zeichen, das in den E-Mail Adressen immer auftaucht.”
“Hab ich nicht.”
“Doch, das hat Onkel Karl für dich eingerichtet. Er hat es in dein rosa Büchlein geschrieben.”
“Und wie soll ich das jetzt hier finden?”
“Hast du noch deine Brille auf?”
“JA, aber ich seh das trotzdem nicht …”
“@, suche das Zeichen: ein a mit einem Bogen drum …”
Stille. Rascheln. Räuspern.
“Finde ich nicht. Hier steht nur Passwort.”
“Ok, es MUSS da stehen.”
“Nein.”
Stille.

Atmen. Artmen, schlucken, lauschen. atmen.
“Ach, du meinst die Schnecke?!”
“Ja Mama, die Schnecke – das ist das @-Zeichen.”
“Sag das doch gleich.”
“Ürgs… Ok, jetzt buchstabier mal – was steht da?”
“…”
“OK, das ist gut.” Einatmen, ausatmen.
“Und jetzt?”
“Musst du das in das Feld auf deinem Handydisplay eingeben.”
“Na gut, aber schnell. Ich muss bald meine Tabletten nehmen.”
Es dämmert bereits.
“Ok, dann gib mal genau das ein, was da steht.”
“Wo?”
“Na … in das Feld!”
“Aber ich kann da nichts reinschreiben, ich habe keine Buchstaben.”
“Du must darein klicken. Dann kommen die automatisch.”
“Echt?”
“Ja.”
“Ach so.”
“Hast du es hineingeschrieben.”
“Nein.”
“WARUM NICHT?”
“Ich kann das nicht lesen, was Onkel Karl da geschrieben hat.”


Halbe Stunde später.
“Aber zwischen den Wörtern muss doch eine Lücke sein.”
“Nein, Mama!”
“Aber sonst kann man das doch gar nicht lesen …”
“In einer E-Mail Adresse darf kein Leerzeichen stehen. Niemals.”
“Ach so. Na gut.”

Zwei Stunden später.
Mein Magen knurrt. Schweiß tropft von meiner Stirn.
“Gut, das war die Anmelde-ID. Jetzt: das Passwort.”
“Welches Passwort?”
“Da muss eins stehen.”
“Da steht nur “PW””.
“Das ist die Abkürzung für Passwort.”
“Na sowas …”
“Also, gib es genauso ein, wie es da steht, mit Groß- und Kleinbuchstaben und allen Zeichen.”
“Auch dem Punkt?”
“Ja, auch dem Punkt.”
“Gut. fertig.”
“Perfekt. Hast du es genauso übernommen?”
“Ja,”
“Sicher?”
“Jadoch!”
“Super, dann müsste es jetzt klappen.”
“Drück auf: ok.”
“Steht da nicht.”
Hümpf … “Was steht da denn?”
“Weißt du doch: Anmelde ID … Passwort …”
“Nein, sonst noch.”
“Nichts.”
“Unten?”
“Nichts.”
“Weiter oben?”
“Fortfahren.”
“Gut. Sehr gut, Yeah. Drück darauf.” Mein Sohn guckt mich komisch an, Ich lächle irre …
“Geht nicht.”
“Was?”
“Da steht, ist falsch.”
“Dann hast du es falsch eingegeben.”
“Ich habe alles eingegeben, sogar die Schnecke …”
“Irgendwas stimmt nicht. Versuchen wir es nochmal.”
“Wie denn? Kannst du das nicht machen?”
“Nein, Mutter, aus der Ferne geht das nicht.”
“Kannst du nicht kurz vorbeikommen?”
“Mama, das sind über 500 km.”
“Morgen ist doch frei. Ich mach dir dein Lieblingsessen und du schläfst in deinem alten Kinderzimmer. Vielleicht laden wir auch die Susanne einfach ein. Die ist jetzt wieder solo …”

“Mama.”
“Ja?”
“Frag doch einfach deinen Nachbarn. Der ist doch Informatikstudent.”
“Nein, der hat neulich nicht mal gegrüßt.”
Grrrr.
“Dann geh noch mal zu diesem Handyshop.”
“Die wollen mir immer nur ein neues Telefon verkaufen, aber nicht mit mir! Ich bin zwar alt, aber nicht blöd. So leicht lasse ich mir nichts neues aufschwatzen.”
“Ein neues Handy?”
“Ja. Auch ein gebrauchtes. Aber ich hab ja eins – und ich hab doch dich …”

“Bist du noch dran?”
“Ja.”
“Also soll ich jetzt nochmal das W-Lan rausholen?”
“Mama.”
“Ja?”
“Schick mir einfach dein Handy.”

“Schicken? Was das kostet …!”

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