Erleuchtung, Teil 2: Die Macht des Unterbewusstseins. Oder: ich will, ich will, ich will, ich w…

by mw

Da liegt es also vor mir. Das Buch, welches mein Leben revolutionieren wird: Dr. Joseph Murphys „Die Macht Ihres Unterbewusstseins“. Das große Buch innerer und äußerer Entfaltung! Ich hoffe, Letzteres hat nichts mit „Dickwerden“ zutun?!  – Na dann: los geht’s!

Anders als erwartet startet Kapitel Eins nicht mit Glück, Harmonie und Seelenfrieden, sondern bombardiert mich mit tausend Fragen zur Ungerechtigkeit dieser Welt. Warum ist das Leben mit Trauer überschattet? Warum erleiden Menschen Armut und Krankheit und Leid und Not?  Warum gehen einige von uns stumpf geistlosen Tätigkeiten nach? Eine Woge unsagbaren Leids bricht über mich zusammen und gerade, als die Apokalypse innerer Ausgeglichenheit droht, und ich geneigt bin, das Buch des Armageddons in die Ecke zu feuern, ist es so weit: Sepp zeigt uns den Weg zur Erlösung von dem Bösen. Und dieser klingt gar nicht mal so steinig: Man muss sich das gewünschte Seelenheil, die Gesundheit und den Reichtum einfach nur vorstellen, dann wird das Erbetene auch wahr. Okay. Das klingt einfach.

Kapitel Zwei greift den Gedanken auf und rezitiert mantraartig diese Formel: Dein Bewusstsein muss sich deine Wünsche fest vorstellen, dann glaubt dir das irgendwann auch dein Unterbewusstsein und sorgt schließlich für deren Erfüllung. Kurz: Renn stampfend durch den Raum und brüll „Ich will. Ich will. Ich will!“ Und schwups: bekommst du es. Das Ganze erinnert mich auf erschreckende Weise an ein verzogenes Balg. Brüllend steht es vorm Kaugummiautomaten und quengelt: „Ich will. Ich will. Ich will!“  Anscheinend ist uns „Nervies Gesetz“ in die Wiege gelegt. Welch ein Ärgernis, dass mir dieses Verhaltens-Ur-Prinzip in frühen Jahren ausgetrieben wurde. Welch eklatanter Erziehungsfehler! Egal. Jetzt muss ich mit meinem verkorksten Start ins Leben zurecht kommen und mich aufs Neue auf die Weltformel besinnen: Ich will! Also bekomme ich!

Kapitel Drei wiederholt das Wiederholte. Anscheinend ist Murmeltiertag. Ich übe mich in Gelassenheit und rede mir ein, dieses Buch soll schließlich „allen“ helfen. Womöglich braucht der eine oder andere mehr als 30 Wiederholungen, um einen einzigen Satz zu begreifen. Vielleicht ist aber auch nicht jeder Mensch Egoist genug, uneingeschränkt an sich selbst denken zu können. Mir hingegen fällt das leicht. Na also: so schlecht war meine Erziehung nun doch nicht.

Als Kapitel Vier abermals die mittlerweile dem letzten grenzdebilen Leser bekannte These auffrischt, verlässt mich die Geduld. Ich frage mich, ob diese  „Chinesische Wort-Folter“ eine Art praktisch angewandte Hypnose sein soll – oder ob es wirklich derart begriffsstutzige Mitbürger gibt. Endlich folgt eine erste Abwandlung: Ein praktisches Beispiel, wie die „Schatzkammer im Inneren“ zu plündern sei. Eine junge Dame sieht im Schaufenster eine Handtasche, kann sich diese aber nicht leisten. Sie stellt sich vor, wie sie die Tasche besitzt. Kurz darauf bekommt sie eben diese Tasche von ihrem Freund geschenkt … und all dies kraft der Macht ihres Unterbewusstseins. Wahnsinn. Zyniker würden behaupten: Kraft der Geldbörse ihres Freundes. Aber egal. Ich beschließe, einen ersten Selbsttest durchzuführen. Ich stelle mir einen frisch gebrühten Kaffee vor. Nachdem ich eine Weile hochkonzentriert dagesessen habe – und nichts passiert ist, greife ich meinem Unterbewusstsein ein wenig unter die Arme. Ich schaue meine in ein Buch versunkene Freundin an und suggeriere ihr kraft meiner Gedanken meinen Kaffeedurst. Um der Dringlichkeit gerecht zu werden, beuge ich mich vor und kaum, dass meine Nase die ihre berührt, schaut sie auf und fragt: „W a s?“ Das Ziel klar vor Augen formen meine Lippen stumm das Wort „Kaffee“. „Kaffee?“, fragt sie. Mein Unter-Ich schaut sie weiterhin durchdringend an, während mein Über-Ich meinen Kopf nicken lässt. Meine Freundin verdreht die Augen und … jetzt kommt´s: macht uns einen Kaffee. Klasse! Wundersam sind deine Werke, und meine Seele weiß das wohl. Psalm 139, 14

Während ich auf den Kaffee warte, durchblättere ich Kapitel Fünf. Da auch hier keine neuen Erkenntnisse lauern, manifestiere ich einen neuen Gedanken: Lieber Herr Murphy, lass das längste Vorwort in der Geschichte des Buchdrucks zu Ende gehen. Auf Seite 81 ist es endlich so weit: Praktische Anwendungen folgen! Toll. Gleichzeitig stellt meine Freundin den frischen Kaffee auf den Tisch. Na, das klappt ja. Und alles, was ihr glaubensvoll in Gebete erfleht, werdet ihr erhalten. Matthäus 21,22

Upps: Sie hat die Milch vergessen. Wieder nimmt der Gedanke an Milch greifbare Gestalt in meinem Geiste an. Wieder lehne ich mich zu meiner Freundin rüber und meine Lippen formen das Wort „M i l c h“. Diesmal bekomme ich allerdings eine ebenso so stumme wie eindeutige Antwort: „D a n n   h o l   s i e   d i r!“

Na gut. Das mit der Milch hat noch nicht geklappt. Wahrscheinlich habe ich nicht lang genug gewollt. Aber dann wäre der Kaffee kalt geworden. Was soll’s. Für den Anfang war das gar nicht mal so schlecht … und die praktischen Übungen kommen ja noch.

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Comments

  • Alex
    14. Januar 2010

    Liebe Barbara,

    beschämenderweise bin ich in letzter Zeit nicht dazu gekommen mehr von Dir zu lesen, Deine Texte sind wie immer köstlich und bedürfen einer großen Leserschaft… Ich werde der Frankfurter Rundschau mal von Dir erzählen. Wer weiß…..
    Jedenfalls bin ich ebenfalls der Meinung man sollte nicht alles Murphys Gesetz überlassen… ;-)

    In diesem Sinne… Herzlichst ALex

  • Alex
    14. Januar 2010

    …. und äh, *räusper*… sorry, das gleiche gilt natürlich auch für M.W. Linke…

    Liegt es mir fern hier Verwirrung zu stiften, schrieb ich den Kommentar doch glatt unter die Kolumne von Herrn Linke ;-)

    Nichts für ungut….

    …köstlich, einfach köstlich… all in one… ;-)

  • admin
    19. Januar 2010

    :-))

    keine Ursache. Hauptsache die Kolumne gefällt *g*

    Viele Grüße
    Marco

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