buch berlin

Auszug aus dem neuen Buch … Berlinroman 3

Berlinroman Barbara Schilling

by mw
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Ich würde euch gern die ersten Zeilen meines neuen Buchprojektes vorstellen; der dritte Berlinroman nach “Meine Berliner Kindheit” und “Mit Erbsen auf Soldaten”, eure BARBARA

Arbeitstitel “Jejessen wird imma!”

Kapitel 1

Es war kalt, die Eisblumen am Fenster machten ihrem Namen alle Ehre. Helene drehte den Kopf zur Wand, blinzelte. Das Baby und die Kleinen schliefen noch. Gut. Wer schläft, ist nicht hungrig. Sobald sie wach waren, würde das Gejammer losgehen. Und sie hatte keine Ahnung, was und ob überhaupt etwas im Brotkasten zu finden war. Behutsam zog sie die kratzige Wolldecke bis zur Nase des Babys hoch. Sie zögerte. Sein Köpfchen war trotz des dünnen Häubchens kühl. Helene zog die Bettdecke noch ein Stückchen höher. Besser ersticken als erfrieren. Sie hielt inne. Durfte sie das? Durfte sie so etwas denken? Sie betrachtete ihren eigenen missgestalteten Zeh, der ihr als Kleinkind teilweise abgefroren war. Es tat so weh, auch heute noch, ihn anzusehen. Die nie ganz verheilten Frostbeulen. Nicht einmal richtig rennen konnte sie damit. Seufzend legte sie das Gesichtchen des Babys wieder gänzlich frei und achtete auch darauf, dass die anderen drei Geschwister genug Decke hatten, vor allem an den Füßen. Die ollen Wollsocken allein reichten nämlich nicht aus. Im Zimmer war es fast so kalt wie draußen, auf den Berliner Straßen, wo Dutzende frierende Menschen die Bürgersteige entlanghasten. Jeder mit einem anderen Ziel, alle mit mehr oder weniger gebeugtem Rücken.
Sie wappnete sich innerlich, sie biss die Zähne zusammen, sie hasste das – diese Kälte, dieses Zimmer, dieses Leben. Aber sie hatte kein anderes. Und sie musste da sein, für die Kleinen, die brauchten sie. Die Mutter würde es nicht allein schaffen. Mühsam stemmte sie sich vom Bett hoch, peinlich darauf achtend, kein Geräusch zu machen, um ja noch keines der kleinen Monster zu wecken. Bevor sie sich überlegen würde, wo sie ein Frühstück herbekam, musste sie erst einmal den Ofen befeuern. Doch ein Blick in den Kohleneimer daneben ließ sie mutlos zurück. Kein Stückchen war mehr übrig. Auch das noch. Ihre Laune sank, wie sie kaum hatte tiefer sinken können. Gestern hatte sie vergessen, noch welche zu besorgen, zu leihen, notfalls zu stehlen. Missmutig beugte sie sich zum Fenster hin und linste hinaus auf den Hof. Kein Glück. Nichts war da, was brennbar aussah. Kein Brett, kein Papier, nicht einmal Äste hatte der Wind hinabgeweht. Sie unterdrückte einen Bierkutscherfluch, der sich gewaschen hatte. Im Gegensatz zu ihr; dazu war es definitiv zu kalt. Sie kramte in den Schubladen herum, fand in der untersten eine fast leere Flasche Braunen, schraubte sie auf, roch daran, überlegte kurz – ob das gegen ihren Hunger half? Aber schon bei dem scharfen Geruch des Alkohols wurde ihr übel und sie legte die Flasche zurück. In der Ecke ein altes Hemd, es war weich und muss einmal weiß gewesen sein; sie hob es hoch. Als sie es ausschüttelte, fiel ein vertrocknetes Lavendelsäckchen heraus. Die Motten hatten den Stoff dennoch durchlöchert, es hatte nichts genützt. Plötzlich musste sie schlucken. Unangenehm. Der helle Stoff erinnerte sie an das Totenhemd ihrer Oma. So hatte es ausgesehen damals, irgendwie rührend, beinahe feierlich. Noch immer erinnerte sie sich an den Geruch ihrer Großmutter. Vor allem, wenn sie sie und den Arm genommen, vor- und zurückgewiegt und „Lehnchen, mein Lehnchen“ genant hatte. Nun war sie schon ein Jahr tot. Seitdem war viel passiert. Wenig Gutes. Die Befürchtungen ihrer Mutter schon damals am Grab, die Erde war hartgefroren und der Wind unerbittlich gewesen, „ick weiß et nich, ich weeß nich, wie wir das ohne Oma schaffen sollen“ hatten sich bewahrheitet. Sie schafften es nicht. Es ging bergab. Tag für Tag schien ihre Situation auswegloser zu werden. Mit Oma war es schwer gewesen, die Familie durchzubringen, auch nach dem Krieg, das Essen war knapp, die Kohlen waren knapp, der Wohnraum war knapp, alles Wichtige war knapp, aber ohne sie, war es schier unmöglich. Vor allem seitdem ihre Mutter vor 10 Monaten das neue Baby zur Welt gebracht hatte. Lotta. Knautschig und rot hatte sie ausgesehen, als Helene sie das erste Mal gesehen hatte. Wie eine Puppe, über die man ein zerknittertes Tischtuch gelegt hatte.
Vom Bett her kam ein Geräusch. Susi, die zweitjüngste, bewegte die Ärmchen im Schlaf, noch hatte sie die Augen fest geschlossen. Um keine weitere Zeit zu verlieren, stopfte Helene das Hemd kurzerhand in den Ofen, nahm Streichhölzer und die Zeitung zur Hand, die sie gestern auf der Parkbank ergattert hatte. Die Flammen fraßen gierig das trockene Papier. Knisternd verbrannte „Sonnabend, 12.12.“ vor ihren Augen, der gestrige Tag.

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